Kostenvoranschläge für Übersetzungen werden anhand der Wortzahl erstellt. Für Sie hat dieses Verfahren ausschließlich Vorteile. Dennoch fragen sich viele: Warum aufgrund der Wortzahl? Und dann folgt gleich der Einwand: Das ist doch recht teuer für so eine einfache Übersetzung. Stimmt das wirklich? Wäre ein Stundenpreis günstiger für Sie?

Übersetzungspreise werden pro Wort berechnet

Kostenvoranschläge für Übersetzungen basieren auf der Zahl der Wörter, die ein Text umfasst. Der Vorteil für Sie besteht darin, dass Sie im Voraus wissen, wie viel die Übersetzung kostet. Nachteilig für Sie ist, dass Sie – anders als bei einem Kostenvoranschlag auf Stundenbasis – keine Ahnung haben, wie lange der Übersetzer für Ihre Übersetzung braucht.

Der belgischen Freiberufler-Plattform freelancenetwork zufolge verdient ein Übersetzer im Durchschnitt 36 € pro Stunde. Allerdings wird dort nicht erwähnt, dass es drei verschiedene Arten von Übersetzern gibt:

  • Übersetzer, die ausschließlich als Subunternehmer für Agenturen arbeiten
  • Übersetzer, die sowohl für Agenturen als auch für Direktkunden arbeiten
  • Übersetzer, die ausschließlich für Direktkunden arbeiten

Für jede dieser Kategorien gilt ein anderer Stundenpreis:

  • Wer nur für Agenturen, also als Subunternehmer tätig ist, verdient – wenn der Wortpreis in einen Stundensatz umgerechnet wird – ca. 30 € pro Stunde.
  • Wer dagegen nur für Direktkunden arbeitet, kommt durchaus auf einen durchschnittlichen Stundensatz von 60 bis 70 € oder mehr, wenn es um eine seltene Sprachkombination geht.

Abrechnung nach Stunden

Angenommen, Sie sind Rechtsanwalt oder Versicherungsmakler und benötigen die Übersetzung einer Krankenakte oder einer Akte in einer Rechtssache, die nur in PDF-Format vorliegt. In diesem Fall kann der Übersetzer das Dokument nicht bearbeiten bzw. überschreiben. Die Dateien müssen in Word konvertiert werden oder der Übersetzer erstellt anhand des PDF-Dokuments selbst eine Datei und übernimmt – soweit wie möglich – das ursprüngliche Layout. Beide Möglichkeiten erfordern viel Zeit.

Aus diesem Grund berechnen Übersetzer – auch bei einer Abrechnung nach Wörtern – in diesen Fällen häufig einen Aufpreis. Aber auch dann ist ein Wortpreis für Sie in der Regel günstiger als ein Stundenpreis, denn der Arbeitsaufwand ist häufig erheblich.

Bei der PDF-Broschüre aus dem Beispiel in meinem Blog-Eintrag Dagboek vom 6. August 2018 (leider nur in niederländischer Sprache) hätten sich so bei einem Stundensatz vermutlich Mehrkosten in Höhe von 150 € ergeben.

Arbeiten Sie dagegen für eine Marketingagentur, bei deren Texten ein kreativer Ansatz erforderlich ist, entscheiden Sie sich vermutlich für einen Übersetzer, der auf Transkreation, SEO und Copywriting spezialisiert ist.

Diese Kollegen rechnen in der Regel nach Stunden ab, da solche kreativen Höchstleistungen einiges an Brainstorming erfordern, das sich nicht in einen Wortpreis fassen lässt. Manchmal fällt einem spontan die perfekte Übersetzung ein, manchmal aber erst nach Tagen.

Agenturen drücken den Preis

Übersetzungsagenturen drücken auf Kosten der Subunternehmer den Preis und zwingen ihren Freiberuflern nicht selten unfaire Tarife auf. Dadurch wird die Differenz zwischen Stunden- und Wortpreis noch größer. Als Vermittler möchten sie natürlich auch ein Stück vom Kuchen abbekommen. Wer aber weiß, dass der eigentliche Übersetzer oft nur einen Mindestpreis von 10 bis 25 Euro erhält, während den Endkunden von der Agentur ein Mindestpreis von 75 bis 100 Euro in Rechnung gestellt wird, wird schlucken und verstehen, dass dieses „Stück“ doch recht groß ausfällt.

Bei größeren Aufträgen mit Wortpreisen ist die Situation übrigens nicht besser.

Ein Beispiel: Eine Agentur, mit der ich bis zum letzten Jahr aufgrund der recht fairen Tarife gern zusammengearbeitet habe, sucht jetzt nach Übersetzern, die bereit sind, für 30 % weniger zu arbeiten. Der Endpreis für die Kunden ändert sich aber nicht.

Eine anonyme Anfrage für einen Kostenvoranschlag hat ergeben, dass bei den neuen Tarifen nur 35 % des Endpreises an den Übersetzer gehen. Und aus Erfahrung weiß ich, dass die betreffende Agentur den Kunden nicht das bietet, was sie verspricht: Eine Überprüfung findet häufig einfach nicht statt. Stattdessen wird der Übersetzer aufgefordert, besonders gründlich zu arbeiten, da eben keine Überprüfung vorgesehen ist. So viel also zum „Stück vom Kuchen“.

Streng genommen müssten die Preise von Agenturen über denen der Freiberufler liegen, weil sie auch ihre Mitarbeiter bezahlen müssen und dazu verpflichtet sind, für eine Überprüfung zu sorgen. In der Praxis ist aber oft das Gegenteil der Fall: Die Übersetzung wird zu einem völlig unrealistischen Preis verkauft und in der Folge ist eine gründliche Überprüfung aus finanzieller Sicht nicht mehr möglich (siehe auch meinen Blog: Übersetzungsagenturen mit ISO-Zertifizierung: Mehrwert oder nicht?).

Freiberufler dagegen veranlassen immer häufiger eine externe Überprüfung, weil sie erst dann zufrieden sind, wenn die Qualität wirklich stimmt.

Ist der Kostenvoranschlag einer Agentur niedriger als bei einem Freiberufler oder gleich hoch? Dann denken Sie daran, dass darin keine gründliche Überprüfung enthalten sein kann.

Der Wert eines guten Übersetzers

Das oben beschriebene Missverhältnis ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass viele Übersetzer, die ausschließlich als Subunternehmer arbeiten, die Wortpreise nicht auf Stundenpreise umrechnen und aufgrund ihrer Naivität schlichtweg ausgebeutet und unter Marktwert bezahlt werden.

Durch die viel zu niedrigen Wortpreise müssen sie außerdem viel mehr arbeiten, um davon leben zu können. Nicht wenige arbeiten mehr als 10 Stunden täglich, und das auch an den Wochenenden. Dadurch haben Sie auch keine Zeit, ihre Übersetzungen kritisch durchzulesen, ganz zu schweigen von einer unbefangenen Überprüfung. Und genau deshalb lässt die Qualität ihrer Übersetzungen häufig zu wünschen übrig.

Wie viel übersetzt ein Übersetzer pro Tag?

Ein Übersetzer kann pro achtstündigem Arbeitstag im Durchschnitt 3000 Wörter übersetzen (ca. 8-10 Seiten). Natürlich hängt die Menge stark vom Schwierigkeitsgrad des Textes ab: Bei einer Excel-Tabelle mit ausschließlich Software-Menüs ohne jeglichen Kontext geht die Arbeit viel schleppender voran, wenn man zuvor nicht auch das zugehörige Handbuch übersetzt hat, und hoch spezialisierte Texte aus kleinen Nischenmärkten erfordern eine umfangreiche Recherchearbeit.

Für 3000 Wörter an einem achtstündigen Werktag muss der Übersetzer außerdem den ganzen Tag ungestört an der Übersetzung arbeiten können, was in der Praxis nur selten möglich ist. Ich persönlich schaffe zwar häufig 3000 Wörter pro Tag, aber nur durch den Einsatz von produktionssteigernden Tools oder durch Überstunden.

Wenn Sie all diese Faktoren berücksichtigen – Tagespensum, Wortpreis, Überprüfung oder nicht ‑, sind Sie dann immer noch überzeugt, dass der Preis zu hoch ist und ein Stundentarif günstiger wäre?

50 Euro pro Stunde

Bei einer Umrechnung meines Wortpreises auf einen Stundenpreis ergibt sich ein Betrag von ca. 50 bis 60 € pro Stunde, je nachdem, wie lange ich für eine Übersetzung brauche. Um einem Qualitätsverlust durch nachlassende Konzentration vorzubeugen, veranschlage ich, wenn möglich, einen Arbeitstag mehr, damit ich die Übersetzung dann mit einem unbefangenen Blick nochmals durchlesen kann. Außerdem können so unvorhergesehene Umstände aufgefangen werden (unerwartet hoher Schwierigkeitsgrad, Probleme mit dem Dateityp usw.).

Außerdem ist in meinem Endkundenpreis immer eine Überprüfung durch eine(n) Kollegen/Kollegin enthalten (weitere Infos über das Zustandekommen meiner Preise finden Sie auf meiner Website).

Die Praxis: So lange brauche ich für eine Übersetzung (*)

  • 6 x technisches Datenblatt für Wandputz zu je 2 Seiten (ca. 3500 Wörter):  ein Werktag
  • Zwölfseitiger Kommunikationsplan zum Thema Asbest: 5,5 Stunden
  • Website mit 9000 Wörtern (40 Seiten) über Dämmmaterial: gut zwei Werktage
  • Einseitiger Newsletter für Vertreiber von Solarpaneelen: 1 Stunde
  • Zwölfseitige Broschüre über Siebbespannung und Lohnarbeit: 6 Stunden

(*) Anmerkung: Für manche Übersetzungen verwende ich produktionssteigernde Tools. Dadurch kann ein verzerrtes Bild entstehen. Da sich nicht alle Texte dafür eignen, gehe ich weiterhin von höchstens 3000 Wörtern pro Tag aus. 

Tipp: Lesen Sie einen zehnseitigen Text, tippen Sie ihn ab und stoppen Sie die Zeit, die Sie dafür benötigen. Denken Sie dabei daran, dass der Text dabei eigentlich übersetzt werden müsste.

Können Sie es schneller – und besser?

Sie möchten noch mehr über die Preise für Übersetzungen erfahren? Dann lesen Sie auch Ein marktkonformer Preis für Übersetzungen.

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